Restaurierungsbericht J 331

J 331

Spätgotischer Blinddruckeinband (Konvolut).

 

BESCHREIBUNG

  • Pflanzlich gegerbtes Kalbleder mit Naturell-Farbe. Diese Lederarten wurden meist mit Eichenrinden gegerbt: Lohgerbung oder lohgares Leder. Gerbung mit Rinden der Silberweide (Salix Alba L.) kommt weniger vor: weidengares Leder. Diese letzteren Lederarten haben ein helleres Aussehen als lohgares Leder. Die verschiedenen Gerbungstechniken sind manchmal nur schwer zu identifizieren, weil regelmäßig auch Mischungen von Eichenrinde und Weidenrinde benutzt wurden. Lohgares Leder ist für Blinddruck sehr geeignet.
  • Die Einschläge sind unregelmäßig und wurden nach dem Einledern an der Haarseite ausgeschärft. Eckeinschlägen mit einfacher Zunge.
  • Beide Buchdeckel sind aus Eiche angefertigt. Die Bretter sind quadriert, d.h. nahezu parallel an den Markstrahlen aus dem Stamm gesägt. Die Eichenart ist nicht genau zu bestimmen. In Betracht kommen zwei Varianten: die Quercus Robur L./Stieleiche, auch wohl Sommereiche genannt, oder die Quercus Petraea Liebl./Steineiche auch Winter-, Trauben- oder Spessarteiche genannt. Holzanatomisch sind beide Arten fast nicht zu trennen. Das Vorkommen von Bastardvarianten ist nicht auszuschließen.
  • Die Bundenden und Kapitalbundenden sind zweimal durch den Deckel geführt und mit Dübeln verpflockt. Die Bundlöcher haben eine runde Form.
  • Die Lagen wurden vor dem Heften eingeschnitten, in transversaler Richtung dienen drei Doppelbünde, aus Kordel, als Unterstützung für die Heftung. Die Verbindung Lagen/Bünde entsteht durch eine sog. Doppelrundbogenheftung. ,Blinde', d.h. nicht für die Heftung selber funktionelle Umschlingungen, wurden zugefügt.
  • Der Kapitalbund (ebenfalls Kordel) ist gewickelt. Diese Umwicklung ist Teil der Heftung: ein Fitzbund fehlt also.
  • Das Bezugsleder wurde später über diesen Kern gelegt und mit dem Kapitalbund versteppt. Das überstehende Leder wurde anschließend, bis auf einige Millimeter, abgeschnitten (,verstepptes Kapital').
  • Das Vorsatz (Vorderseite Makulatur) besteht aus einem Doppelblatt Pergament: separat geheftet.
  • Der Buchblock wurde dreiseitig beschnitten, am Kopf- und Schwanzschnitt ist ein sog. Kapitalschnitt zu sehen, eine kleine Schnittfläche im Winkel von etwa 45° zum Kopf- und Schwanzschnitt.
  • Der Schnitt wurde eingefärbt: gelb/ockerfarbig.
  • Eine sog. Krampenschließe wurde aus Messing angefertigt, geschmiedet und mit Schroppstahl und Feile weiterbearbeitet. Sorgfältige Gravierdekoration.
  • Auf dem Rückendeckel vier Buckel aus Messing, angefertigt in Gußtechnik (Sandform) und abgedreht.

 

LAKUNEN (SUBSTANZVERLUSTE)

  • Durch Moderschäden sind Teile des Textträgers durchgehend ausgebrochen, zum Teil mit Textverlust.
  • Ein Schließenteil (Krampe) verloren gegangen.
  • Teile des Lederbezuges fehlen; nahe an den Gelenken und beim Kapital (oben).

 

SCHÄDEN

  • Sehr starke Moderschäden, Verfärbungen, Einrisse, Ausbrüche, starke Schwächung des Papiers. Das Pergamentvorsatz ist stark verschmutzt, mit kleineren Fehlstellen.
  • Bezugsleder im Gelenk gerissen, verstepptes Kapital (oben) hat sich gelöst, zum Teil ausgebrochen. Weiter im Bezugsleder leichte Wasserränder, abgeriebene Stellen und Kratzspuren.

 

RESTAURIERUNGSVERFAHREN

  • Blätter foliiert und Lagen sowie Vorsatz aus dem Einband gelöst.
  • Sehr schwache Teile im Bereich der Moderstelle (außerhalb des Textspiegels) abgetrennt.
  • Schwache Teile im Textbereich fixiert mit Gelatine.
  • Blätter angefasert und zwischen Kunststoffvlies unter Druck getrocknet.
  • Oberfläche der Blätter neu geleimt mit Gelatine.
  • Überflüssige Ränder (entstanden beim Anfasern) angetrennt.
  • Pergamentvorsatz gesäubert und Fehlstellen mit dünnem Restaurierpergament angesetzt.
  • Lagen neu geheftet auf drei Doppelbünde (Kordel); die Kapitalbünde wurden, nach Vorlage, als Teil der Heftung angebracht.
  • Der Schnitt wurde an den Papier-Ergänzungsstellen farblich retuschiert.
  • Bruch im Vorderdeckel parquettiert, neue Bundenden in den Deckel verpflockt.
  • Rücken bezogen mit neuem Kalbleder, an Kopf und Schwanz dieses Leder mit dem Kapitalbund versteppt.
  • Originalbezug mit Sattelseife gesäubert und mit Ledervaseline imprägniert. An den Verbindungsstellen mit dem Ergänzungsleder wurde das alte Leder an der Fleischseite ausgeschliffen. Originalleder wieder aufgeklebt. Verbindungsstellen, kleine Risse sowie Fehlstellen mit Retuschierwachs angesetzt.
  • Aus Messing neue Krampe angefertigt und mit neuem Ledergelenk montiert.

 

Aus dem Restaurierungsbericht der Firma FOLIO – Buch- und Papierrestaurierung, Maastricht/Gronsveld (Niederlande) 1998